Péter Nádas:
Verdrängen, lügen, aufarbeiten?

VON DANIELA TOMASOVSKY (Die Presse) 05.11.2005

Im Gespräch. Péter Nádas über Orte des Schreckens und historische Verantwortung.

I
m ersten Augenblick meiner Ankunft aber habe ich tatsächlich noch gar nichts gedacht. Gar nichts. Ich stand in der merkwürdigen Stille, als stünde ich in einer Pause des Getöns, ich wusste, ich bin angekommen, ich bin da, ich kann nicht mehr weg hier, und gegen meinen Willen fing ich zu meiner großen Scham laut zu weinen an" - in seiner Erzählung "Im stummen Gemurmel der Toten" begibt sich der ungarische Schriftsteller Péter Nádas auf eine ganz persönliche Spurensuche. Er sucht das Internierungslager von Le Vernet, wo sein Onkel während des Kriegs interniert war. Das Lager befand sich in der Nähe von Toulouse, mehr weiß der Autor zu Beginn seiner Reise nicht. Und doch kommt er an. An einem Ort des Gedächtnisses, der für ihn auch ein Ort des Schreckens ist. Er erinnert sich, bei Erwin Blumenfeld über dessen Ankunft im Lager gelesen zu haben: "Ich habe den Namen der Hölle davor noch nie geschrieben gesehen: Le Vernet d'Ariège."

Die Erzählung hat Péter Nádas eigens für ein Symposium der Akademie der Wissenschaften ("Orte des Gedächtnisses") geschrieben und zur Eröffnung am Donnerstag auch gelesen. Wie wichtig ist das Erinnern, das Gedenken?

Nádas: "Mich interessieren vor allem die psychischen Strukturen ,Wie gehen wir mit Gedächtnis und Vergessen um?', ,Wie halten wir das labile Gleichgewicht von Verdrängen, Lügen und Aufarbeiten aufrecht?'. In der Diskussion wird eines immer vergessen: Man muss vergessen, sonst ist man verloren. Nur wenn man vergessen kann, ist Neues möglich." Andererseits gebe es eine historische Verantwortung jedes einzelnen Menschen. "Sie ist von Land zu Land verschieden. Aber es ist eine anthropologische Tatsache, dass Massenmord, Massenfolter stattfindet. Als Mensch bin ich davon getroffen - auch wenn mich keine persönliche Verantwortung trifft, trifft mich doch eine historische. Diese Unterscheidung wird oft vergessen."

Gefährlich sei es jedenfalls, verschiedene Ideologien miteinander zu vergleichen, gegeneinander abzuwiegen, etwa Faschismus gegen Kommunismus. "Das dient nur dazu, eine der Ideologien reinzuwaschen. Aber jede Ideologie ist unmenschlich, es gibt keine Vergleichsmöglichkeit." Allerdings stehe der Faschismus, anders als der Kommunismus, außerhalb des demokratischen Rahmens. "Beide Seiten können prinzipiell gefährlich sein für die Demokratie: Kommunisten wollen für alle Menschen etwas Gutes, dahinter steckt etwas sehr Gefährliches. Faschisten wollen für einen kleinen Kreis, eine Rasse, eine Nation etwas Gutes, das ist Egoismus, der auch sehr gefährlich ist. Aber Kommunisten haben nicht die Absicht, Menschen zu töten und zu berauben."

In Ungarn sei die Auseinandersetzung mit dem Holocaust defizitär. "Nach dem Nobelpreis für Imre Kertesz im Jahr 2002 hat man damit begonnen - und bald auch wieder aufgehört. In Ungarn ist die NS-Zeit kein Thema der Diskussion. Eine junge Frau, Anführerin einer faschistischen Neo-Pfeilkreuzler-Gruppe, wurde letztes Jahr verhaftet. Nun haben sie ihr Symbol leicht verändert - und treiben unbehelligt ihr Unwesen." Nádas tut das Seine, um diesen Zustand zu ändern. "Seit zehn Jahren befasse ich mich mit nichts anderem als dem Holocaust. Gestern ist mein Buch fertig geworden: Es heißt ,Parallelgeschichten' und erscheint erst auf Ungarisch." Woher dieses Interesse? "Einerseits familiär, andererseits frage ich mich, ob der menschenfeindliche Staatsgedanke irgendwann ein Ende findet. Ich habe in Berlin am Wissenschaftskolleg Raritäten aus der Schatzkammer der Grausamkeiten studiert. Etwa rassenhygienische Messtechniken, mit peinlich genauen Beschreibungen, wie groß die Entfernung von der Fingerspitze bis zum Knie zu sein hat, wie die Konsistenz der Haare. Die Amerikaner haben gefragt, ob die Schwarzen Menschen oder Tiere sind. Hätten sie sie nicht als Tiere eingestuft, hätten sie nicht mit ihnen handeln können. Und in der Genetik werden Menschen oft nicht als Menschen betrachtet, sondern als Forschungsobjekte."

Nur das Bewusstsein der jeweiligen historischen Schwelle, sei es Holocaust, Sklaverei oder anderes, bewahre vor einem Rückfall in einen nationalen Egoismus diesen Ausmaßes. "Für die junge Generation ist es ratsam, sich damit zu befassen. Gefahr droht aber auch von der anderen Seite: Dass Jugendliche durch die von allen Seiten verordnete Globalität zu gar keiner Identität mehr finden. Die Identitätsfindung ist sicher schwieriger als früher." Auch die Medien hätten eine Verantwortung. "Le Pen ist in Frankreich durch die Presse groß geworden, die Zeitungen haben ungewollt Reklame für ihn gemacht. Dabei wollten sie nur ihre Auflage steigern."

Das Symposium findet am Samstag von 9.30 bis 13 Uhr in der Akademie der Wissenschaften (1, Sonnenfelsgasse 19) statt.

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