|
I
m ersten Augenblick meiner Ankunft aber habe ich tatsächlich noch gar
nichts gedacht. Gar nichts. Ich stand in der merkwürdigen Stille, als
stünde ich in einer Pause des Getöns, ich wusste, ich bin angekommen, ich
bin da, ich kann nicht mehr weg hier, und gegen meinen Willen fing ich zu
meiner großen Scham laut zu weinen an" - in seiner Erzählung
"Im stummen Gemurmel der Toten" begibt sich der ungarische
Schriftsteller Péter Nádas auf eine ganz persönliche Spurensuche. Er
sucht das Internierungslager von Le Vernet, wo sein Onkel während des
Kriegs interniert war. Das Lager befand sich in der Nähe von Toulouse,
mehr weiß der Autor zu Beginn seiner Reise nicht. Und doch kommt er an.
An einem Ort des Gedächtnisses, der für ihn auch ein Ort des Schreckens
ist. Er erinnert sich, bei Erwin Blumenfeld über dessen Ankunft im Lager
gelesen zu haben: "Ich habe den Namen der Hölle davor noch nie
geschrieben gesehen: Le Vernet d'Ariège."
|

|
Die
Erzählung hat Péter Nádas eigens für ein Symposium der Akademie der
Wissenschaften ("Orte des Gedächtnisses") geschrieben und zur
Eröffnung am Donnerstag auch gelesen. Wie wichtig ist das Erinnern, das
Gedenken?
Nádas:
"Mich interessieren
vor allem die psychischen Strukturen ,Wie gehen
wir mit Gedächtnis und Vergessen um?', ,Wie halten wir das labile
Gleichgewicht von Verdrängen, Lügen und Aufarbeiten aufrecht?'. In der
Diskussion wird eines immer vergessen: Man muss vergessen, sonst ist man
verloren. Nur wenn man vergessen kann, ist Neues möglich."
Andererseits gebe es eine historische Verantwortung jedes einzelnen
Menschen. "Sie ist von Land zu Land verschieden. Aber es ist eine
anthropologische Tatsache, dass Massenmord, Massenfolter stattfindet. Als
Mensch bin ich davon getroffen - auch wenn mich keine
persönliche Verantwortung trifft, trifft mich doch eine
historische. Diese Unterscheidung wird oft vergessen."
Gefährlich sei es jedenfalls, verschiedene Ideologien
miteinander zu vergleichen, gegeneinander abzuwiegen, etwa Faschismus
gegen Kommunismus. "Das dient nur dazu, eine der Ideologien
reinzuwaschen. Aber jede Ideologie ist unmenschlich, es gibt keine
Vergleichsmöglichkeit." Allerdings stehe der Faschismus, anders als
der Kommunismus, außerhalb des demokratischen Rahmens. "Beide Seiten
können prinzipiell gefährlich sein für die Demokratie: Kommunisten wollen
für alle Menschen etwas Gutes, dahinter steckt etwas sehr Gefährliches.
Faschisten wollen für einen kleinen Kreis, eine Rasse, eine Nation etwas
Gutes, das ist Egoismus, der auch sehr gefährlich ist. Aber Kommunisten
haben nicht die Absicht, Menschen zu töten und zu berauben."
In
Ungarn sei die Auseinandersetzung mit dem Holocaust defizitär. "Nach
dem Nobelpreis für Imre Kertesz im Jahr 2002 hat man damit begonnen - und
bald auch wieder aufgehört. In Ungarn ist die NS-Zeit kein Thema der
Diskussion. Eine junge Frau, Anführerin einer faschistischen
Neo-Pfeilkreuzler-Gruppe, wurde letztes Jahr verhaftet. Nun haben sie ihr
Symbol leicht verändert - und treiben unbehelligt ihr Unwesen."
Nádas tut das Seine, um diesen Zustand zu ändern. "Seit zehn Jahren
befasse ich mich mit nichts
anderem als dem Holocaust. Gestern ist mein Buch fertig geworden: Es heißt ,Parallelgeschichten' und erscheint erst auf
Ungarisch." Woher dieses Interesse? "Einerseits familiär,
andererseits frage ich mich, ob der
menschenfeindliche Staatsgedanke irgendwann ein Ende findet. Ich habe in Berlin am
Wissenschaftskolleg Raritäten aus der Schatzkammer der Grausamkeiten
studiert. Etwa rassenhygienische Messtechniken, mit peinlich genauen
Beschreibungen, wie groß die Entfernung von der Fingerspitze bis zum Knie
zu sein hat, wie die Konsistenz der Haare. Die Amerikaner haben gefragt,
ob die Schwarzen Menschen oder Tiere sind. Hätten sie sie nicht als Tiere
eingestuft, hätten sie nicht mit ihnen handeln können. Und in der Genetik
werden Menschen oft nicht als Menschen betrachtet, sondern als
Forschungsobjekte."
Nur
das Bewusstsein der jeweiligen historischen Schwelle, sei es Holocaust,
Sklaverei oder anderes, bewahre vor einem Rückfall in einen nationalen
Egoismus diesen Ausmaßes. "Für die junge Generation ist es ratsam,
sich damit zu befassen. Gefahr droht aber auch von der anderen Seite:
Dass Jugendliche durch die von allen Seiten verordnete Globalität zu gar
keiner Identität mehr finden. Die Identitätsfindung ist sicher
schwieriger als früher." Auch die Medien hätten eine Verantwortung.
"Le Pen ist in Frankreich durch die Presse
groß geworden, die Zeitungen haben ungewollt Reklame für ihn gemacht.
Dabei wollten sie nur ihre Auflage steigern."
Das
Symposium findet am Samstag von 9.30 bis 13 Uhr in der Akademie der
Wissenschaften (1, Sonnenfelsgasse 19) statt.
|